Teil 1 · Seite 7 bis 26
Als das Modem pfiff
Bevor es das Internet für alle gab, riefen Tausende Menschen abends kleine Rechner in Kinderzimmern und Kellern an. Teil 1 erzählt, wie das lief: von der Post, die private Modems verbot, bis zum letzten Bulletin einer Box.
Eine Mailbox, auf Englisch Bulletin Board System oder kurz BBS, war ein Computer mit Modem, den man anrufen konnte. Betrieben wurde sie von einem Sysop, einem Schüler, Studenten, Bastler oder Berufstätigen, der abends Rechner und Telefonleitung zur Verfügung stellte und das alles selbst bezahlte. Wer durchkam, fand Bretter mit Diskussionen, private Post, Dateien zum Herunterladen, Spiele und manchmal den Sysop selbst im Chat.
Die meisten Boxen hatten genau eine Leitung. Es war also immer nur einer gleichzeitig drin, alle anderen hörten das Besetztzeichen und wählten später noch einmal. Teil 1 erzählt auf zwanzig Seiten, wie diese Welt funktionierte, von der Technik über die Telefonrechnung bis zu den Menschen dahinter.
Warum brauchte man einen Akustikkoppler?
In Westdeutschland durften bis Mitte der 80er nur Modems der Post ans Telefonnetz. Ein selbstgebautes oder aus den USA mitgebrachtes Gerät verstieß gegen das Fernmeldeanlagengesetz, und darauf standen laut dem Historiker Matthias Röhr bis zu fünf Jahre Gefängnis. Wau Holland vom Chaos Computer Club spottete, das sei härter als fahrlässiges Herbeiführen einer Atomexplosion.
Der Ausweg hieß Akustikkoppler. Er hatte keine elektrische Verbindung zum Netz: Man wählte am normalen Telefon und legte den Hörer in zwei Gummimuffen, ein kleiner Lautsprecher pfiff die Daten in die Sprechmuschel, ein Mikrofon hörte die Antwort ab. Das war erlaubt, aber langsam, 300 bis 1200 Baud, und ein bellender Hund reichte, um die Verbindung zu kappen. 1984 baute der CCC einen eigenen Koppler, das Datenklo, für etwa 300 Mark im Selbstbau. Am 16. Juni 1987 durchsuchten Post und Polizei trotzdem die Wohnungen von fünf Mailbox-Betreibern. Erst im Juli 1990 fiel das Monopol ganz.
Wie funktionierte ein Modem?
Fast alle Modems verstanden die AT-Befehle, die das Hayes Smartmodem 1981 eingeführt hatte. ATZ setzt zurück, ATDT wählt, und dann kam das Geräusch: Wählton, Klingeln, ein gerader Antwortton von 2100 Hertz, Zwitschern, Klirren, Rauschen. Das Buch zerlegt dieses Kreischen in sieben Schritte und erklärt, was die beiden Modems dabei miteinander aushandeln. Am Ende stand CONNECT auf dem Bildschirm. Oder NO CARRIER.
Wie langsam das war, zeigt eine Tabelle: Ein Megabyte brauchte mit 300 Baud über neun Stunden, mit 2400 Baud etwa 70 Minuten, mit 14.400 noch rund zwölf. Dazu kommen Lämpchen, serielle Schnittstelle, FOSSIL-Treiber und ISDN, das ab 1989 zwei Kanäle ohne Pfeifen brachte. Ein eigenes Kapitel gilt C64, Amiga und Atari ST.
Wie damals
Wer einmal verstanden hatte, dass dieses Kreischen zwei Maschinen waren, die miteinander verhandelten, hörte es nie wieder als Lärm.
Was kostete eine Stunde Mailbox?
Jeder Anruf in einer Box war ein Telefongespräch. Bis 1980 kostete ein Ortsgespräch eine Einheit, egal wie lange, 1977 waren das 23 Pfennig für eine ganze Nacht. Dann kam der Zeittakt: acht Minuten je Einheit tagsüber, zwölf am Abend. Eine Stunde im Ortsnetz lag damit bei etwa 1,73 Mark, abends bei 1,15. Ein Ferngespräch am Nachmittag kostete 1996 dagegen etwa 30,84 Mark pro Stunde. Deshalb hatte fast jede Stadt ihre eigenen Boxen.
Die Tarifreform 1996 war für Mailbox-Nutzer ein Schlag: Sechs Minuten Ortsgespräch kosteten tagsüber 48 statt 23 Pfennig, der günstige Tarif begann erst um 21 Uhr. Das Kapitel erzählt von Küchenuhren neben dem Rechner, von offline gelesener Post und von Sysops, die ihre Nutzer nach einer Stunde hinauswarfen, auch zum Schutz vor der Rechnung.
Welche Netze gab es?
Erst die Netze machten aus den einzelnen Boxen eine Welt. Das FidoNet begann 1984 mit Tom Jennings in San Francisco und wuchs auf 39.000 Systeme weltweit, in Deutschland gab es 1996 etwa 4.200 Fido-Nodes. Nachts gegen vier Uhr rief jede Box ihren Knoten an und tauschte Postpakete aus, am Morgen standen Antworten aus Hamburg, München und Helsinki im Brett.
Daneben gab es das Z-Netz aus der deutschen Software Zerberus, das MausNet aus Münster mit Realnamenpflicht und Boxen, die nach dem Kfz-Kennzeichen ihrer Stadt hießen, und das politische CL-Netz. Das Buch erklärt, wie eine FidoNet-Adresse aufgebaut ist, was Mailer, Tosser und Nodelist tun und wer die Ferngespräche bezahlte. Weitere Kapitel: ein Tag im Leben einer Box, der Alltag mit Levels und Ratio, Shareware, der Mailbox-Knigge und Btx, der Online-Dienst der Post.
Was war ein Usertreffen?
Irgendwann wollte man wissen, wer hinter den Namen steckt. Der Sysop lud ein, in eine Kneipe, ein Jugendzentrum oder ins Wohnzimmer, und der gefürchtete Vielschreiber aus dem Technikbrett saß als schüchterner Schüler am Tisch. Die Münchner Box LINK-M lud ab 1987 jeden Monat ein, in Nürnberg gab es jeden zweiten Samstag einen Stammtisch. Man tauschte Disketten, schraubte Rechner auf und verglich Modems, und wer einen PC dabeihatte, spielte per Kabel gegen den Nachbarn, lange bevor jemand LAN-Party dazu sagte. Manche Runden treffen sich bis heute einmal im Jahr in derselben Kneipe.
Warum endete die Mailbox-Zeit?
Die Boxen starben nicht, ihre Nutzer zogen weiter. Mitte der 90er wurde Internetzugang bezahlbar, 1995 kam AOL nach Deutschland, aus Btx wurde T-Online, Ende 1998 waren 5,4 Millionen Deutsche online. ISDN und später DSL machten das Modem überflüssig. Das MausNet, einst mit 120 Boxen, hatte Anfang 2011 noch etwa neun, im FidoNet zählte die deutsche Region 2019 noch 37 aktive Sysops. Viele Boxen endeten mit einer Ansage: Kein Anschluss unter dieser Nummer.
Geblieben ist mehr, als man denkt. Foren, private Nachrichten, Chats, das Teilen von Dateien und Online-Spiele gab es in den Mailboxen zuerst. Und die Idee, dass man sich seinen Ort im Netz selbst bauen kann. Genau da setzen die Projekte in diesem Buch an.